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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dépot de munitions Mort Mare / Base aérienne 269 (Flirey, Lothringen)



Jagstheimer
16.10.2017, 21:23
Hallo,

ich bin jetzt nicht ganz sicher, ob sich der folgende Beitrag unter “Streitkräftestrukturen – Französische Streitkräfte” oder unter “Waffensysteme-Waffen, Munition und Lagerung - Konventionelle Depots” besser aufgehoben fühlt, mich aber für das erste entschieden.

Beim Google Earth-Flug über Lothringen (einer Region, welche im Kalten Krieg über eine sehr hohe Dichte an militärischen Liegenschaften verfügte, nicht zuletzt wegend der massive Präsenz von US-Streitkräften bis 1966 mit großen Depots, Tanklagern, Flugplätzen, Militärhospitälern etc.) fiel mir vor einiger Zeit im Bois de Mort Mare (nördlich Flirey, Département Meurthe-et-Mosselle, Lothringen) ein Wegeverlauf auf, welche mich sofort an ein ehemaliges Depot denken ließ. Wer es selber betrachten möchte: der Wald befindet sich knapp oberhalb des Ortes Flirey und beim Aktivieren der Funktion "Straßen" in Google Earth fallen diese sofort auf.

Internet-Recherchen erbrachten nicht viel, förderten aber immerhin die Existenz eines ehemaligen Dépot de munitions (Munitionsdepot) der l’Armée de l’air (französische Luftwaffe) zu Tage, der ehemaligen Base aérienne 269 Mort Mare (oder auch, nach der nahe gelegenen Ortschaft, als Flirey bezeichnet).
Interessanterweise wird auf einer französischen Seite für Wanderer von einem ehemaligen amerikanischen Depot gesprochen. Weitere Beleg hierfür konnte ich jedoch nicht finden (obwohl es gerade über die US Army / Air Force in Frankreich hinreichend Quellenmaterial gibt).
Bois de Mort Mare bedeutet übersetzt im übrigen wortwörtlich “Wald des toten Tümpels”.

Nachdem ich nun in der Gegend war, ging ich auch vor Ort. Der Bereich ist heute Gemeindewald und frei zugänglich, nur die ehemalige Kaserne sowie ein kleiner, eingezäunter Bereich werden noch heute vom französischen Innenministrium, konkret der Sécurité Civile (dem Zivil-/ Katastrophenschutz), genutzt. In der Kaserne befindet sich das Établissement de soutien opérationnel et logistique Est (ESOL Est) (eines von vier solcher Einrichtungen der Sécurité Civile in Frankreich, welche Material für Katastrophenschutz etc. vorhalten) sowie eine école de déminage (Minenräumschule); der eingezäunte Bereich wird offensichtlich als Sprengplatz für Munitionsfunde genutzt, zumindest weisen die Warnschilder an der Umzäunung darauf hin (“destruction d’explosifs”).

Eindeutig handelte es sich hier um ein ehemaliges Depot, es sind noch zahlreiche Spuren und ein paar Baulichkeiten vorhanden (alles frei zugänglich).

Vorgefunden wurden drei räumlich getrennte Bereiche: einer im nördlichen Bereich (der mit den aus Google Earth deutlich wahrzunehmenden Lagerstraßen) und der im südlichen Bereich, welcher sich wiederum in zwei räumlich auseinanderliegende Bereiche unterteilt (siehe Skizze; die Nummern 1 bis 4 kennzeichnen die nachfolgend beschriebenen vorhandenen Gebäude). Alle Straßen in dem Depot waren (und sind noch weitestgehend) geteert.

Im nördlichen Lagerbereich findet man noch die Reste von 63 ehemaligen Lagerplätzen, jeweils ca. neun Meter breit und sechs Meter tief, entweder mit Beton- oder geteertem Boden und von über etwas über zwei Meter hohen Erdwall auf drei Seiten umgeben. Spuren von Aufbauten wie Lagerhallen o.ä. konnte ich trotz Suche nicht feststellen, so dass ich mutmaße, dass es sich ausschließlich um Freilagerplätze handelte, ggf. mit Zelten / Zeltplanen vor den gröbsten Wetterunbillen geschützt. In dem Lagerbereich befinden sich noch zwei identische Häuser (mit den Nummern 1 und 2 gekennzeichnet) mit jeweils angrenzendem Wasserbehälter und Hydrant, letztere vermutlich zu Feuerlöschzwecken.
Die Zufahrt erfolgte vorbei an der ehem. Kaserne des Depots.

Eine Verbindungsstraße verband den nördlichen mit dem südlichen Lagerbereich. An dieser Straße finden sich die Reste einer ca. 30 Meter langen und ca. ein Meter hohen Betonmauer, welche aber nicht als Fundamentrest eines Gebäudes gedeutet werden konnten (da entsprechende Fundamente für die anderen Gebäudeseiten fehlten). Für Laderampenzwecke erschien mir die maximal ein Meter hoher Mauer zu niedrig (zumal sie am Hang liegt und zum anderen Ende hin wesentlich niedriger ist).

Der südliche Lagerbereich unterteilte sich in einen westlichen und östlichen Bereich. Im westlichen Bereich (auch hier eines der vom Bautyp her gleichen Häuser), aber mit großem Wasserbehälter. Daneben gibt es hier 13 weitere der oben beschriebenen Lagerplätze, verteilt auf zwei Lagerstraßen. Auffallend in diesem Bereich ist der noch außerordentlich gute Erhaltungszustand von ehemals deutschen Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg (hier verlief ein Teil des Frontbogens von St. Mihiel), welche spinnennetzartig das Gelände durchziehen und in welchem noch befestigte Unterstände und ein voll erhaltener und zugänglicher Betonbunker auszumachen sind). Ganz im Osten dieses Bereichs findet man den letzten, von den anderen abweichenden, Lagerbereich. Dieser besteht wieder aus dem typischen Haus (mit der Nummer 4, als Fledermausquartier umgebaut) mit dem Wasserbehälter und Hydranten wie im nördlichen Lagerbereich. Daneben findet man neun erdumwallte Lagerplätze mit wesentlich größeren Abmessungen (ca. 18 Meter lang, sechs Meter breit) sowie einen weiteren, nicht umwallten geteerten Bereich gegenüber von Haus 4. Im südlichen Bereich führte eine geteerte Zufahrtsstraße zur Departementsstraße D 904 am südlichen Waldrand des Waldes, vorbei an weiteren deutlichen Spuren des ehemaligen Stellungssystems aus dem Ersten Weltkrieg. Kurz nach der Departementsstraße befinden sich auf dieser ehemaligen Zufahrtsstraße ein kleiner Parkplatz mit Picknickplatz sowie einem Rundweg mit Hinweisschildern zu den Geschehnissen im Ersten Weltkrieg an diesem Ort, v.a. auch zu der hier intensiv betriebenen Minenkriegsführung. Drei große und tiefe Sprengkrater im deutschen Grabensystem zeugen hiervon.

Der ehemalige Verlauf des Außenzauns ist in Google Earth (unter Zuhilfenahme einer topographischen Karte 1:25.000, in welcher dessen ehemaliger Verlauf eingezeichnet ist) noch weitestgehend nachvollziehbar.

Am Rande: durch den westlichen Bereich des nördlichen Lagerbereichs verlief früher die Trasse der Schmalspurbahnlinie Thiaucourt-Toul (aber weit vor der Errichtung des Depots), deren Reste noch auszumachen sind.

Und auch noch bemerkenswert, da aus Deutschland für mich vollkommen unbekannt: obwohl ich an einem Sonntag bei strahlendem Sonnenschein und ca. 25 Grad Temperatur fünf Stunden in dem Wald unterwegs war, der nächste Ort 500 Meter vom Waldrand entfernt und sogar - in Frankreich abseits von Touristenschwerpunkten keine Alltäglichkeit- ein Parkplatz vorhanden ist, habe ich weit und breit keine Menschenseele gesehen oder gehört, keinen einzigen Mountainbikefahrer oder Gassigeher. In Deutschland kaum vorstellbar.

Vielleicht hat jemand mehr Informationen zu diesem für mich noch völlig “geschichtslosen” Depot ?

Anbei die Lageskizze (ich hoffe, das mit dem GoogleEarth Copyright geht so in Ordnung ?) und ein paar Bilder.

Viele Grüße, Thomas

palatinat
17.10.2017, 01:00
Hallo Jagstheimer,

in der Nähe bei Saint-Baussant betrieb das US Army Petroleum Distribution Comd, Europe eine Tankfarm, die heute noch existiert.
https://www.euro-petrole.com/depot-petrolier-de-saint-baussant-parc-a-lf-1071 und
https://www.euro-petrole.com/depot-petrolier-de-saint-baussant-parc-b-lf-1745

Gruß aus der Pfalz

palatinat
17.10.2017, 22:37
Hallo Jagstheimer,

wenn ich mir das Abzeichen der BA 269 so ansehe
https://www.traditions-air.fr/unit/stationnement/stationnementgn.htm#Mort_Mare
dann scheint mir das doch recht alt zu sein.
Dazu passt, dass dieser Franzose hier Kameraden sucht
http://copainsdavant.linternaute.com/p/gerard-malherbe-15366487
die mit ihm im Dépot de munition du Bois de Mort Mare 1963 gedient haben.
Deine Bilder und auch dieses hier http://ekladata.com/wmd-cTejzFZ2hqjmTq9_u3eVyBY.jpg
könnten zu dieser Epoche passen.
Gruß aus der Pfalz

Jagstheimer
18.10.2017, 20:49
Hallo palatinat,

vielen Dank für die Hinweise.

Die Suchanzeige hatte ich auch gefunden. Und da ich vermute, dass das ehemalige Depot ausschließlich über Freilagerflächen verfügte, sind die in dem Wappen zu findenden Freifallbomben auch realistisch - denn die wurden gerne "unter freiem Himmel" gelagert.
Interessant ist die zu dem Wappen angegebene andere Bezeichnung des Depots - DRMU 5/651 = Dépôt régionale de Munitions. Denn diese Bezeichnung trug ab 1955 das (mittlerweile auch aufgegebene) Luftwaffenmunitionsdepot Nogent-l'Abesse östlich von Reims.

Viele Grüße aus Stuttgart

Jagstheimer
19.10.2017, 10:05
.... und hier noch der Hinweis auf das DRMu 5/51 Nogent-l'Abesse:

http://wikimapia.org/20273103/fr/Escadron-de-Soutien-Munitions-ESMu-de-Nogent-l%E2%80%99Abbesse

Viele Grüße

palatinat
21.10.2017, 12:13
Hallo zusammen.

wenige Kilometer von Nogent-l’Abbesse entfernt befindet sich das Polygone d'Expérimentation de Moronvilliers
https://www.google.de/maps/place/PEM+-+Polygone+d'Essais+de+Moronvilliers,+51490+Pontfav erger-Moronvilliers,+Frankreich/@49.2390104,4.3063697,2007m/data=!3m1!1e3!4m13!1m7!3m6!1s0x0:0x0!2zNDnCsDE0JzI wLjQiTiA0wrAxOCc1NC4yIkU!3b1!8m2!3d49.239007!4d4.3 15068!3m4!1s0x47e97e5108228b09:0x82ab5b47d9e16c52! 8m2!3d49.2367163!4d4.3143466?hl=de

Gruß aus der Pfalz

palatinat
21.10.2017, 19:17
Hallo Jagstheimer,

zu der Einheit von Nogent-l’Abbesse passt dieses Abzeichen (http://i.ebayimg.com/images/g/ATIAAOSwxflZxAtP/s-l1600.jpg).

Gruß aus der Pfalz

palatinat
21.10.2017, 19:37
Hallo zusammen,

in unmittelbarer Nähe zu Nogent-l´Abesse befindet sich das MAGASIN SOUS ROC DU MONT DE BERRU (http://www.memoire-et-fortifications.fr/fortifications/place-forte-de-reims/le-magasin-sous-roc-du-mont-de-berru/).

Gruß aus der Pfalz