PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Scharfschütze - Präzisionsschütze in der Bundeswehr Heeresstruktur III und IV



Malefiz
18.08.2018, 19:22
Hallo,
gab es vor 1992 eigentlich echte Scharfschützen bzw. die Ausbildung dazu? Wo waren diese Leute angesiedelt?
Mir ist bekannt, dass es in jeder Jäger und Grenadiergruppe damals einen Schützen mit dem G3 mit Zielfernrohr gab, aber ein echtes Scharfschützengewehr gab es ja nicht.
In Augustdorf gab es eine Schießbahn, wo man auf 1000m schiessen konnte. Dort sind mir in den 80ger Jahren mal zwei Hauptfeldwebel begegnet, die mit einer zivilen
Version des G3, einem Jagdgewehr, auf diese Distanz geübt haben. War dies der Normalzustand?
Gab es damals schon Lehrgänge für den Schützen und den Spotter? Oder war das über die Initiative Einzelner gelaufen?
Grüße
Peter

virago2000
18.08.2018, 20:50
Guten Abend
Betrifft zwar nicht direkt die Heeresstrukturen III und IV, aber zu den Scharfschützen in der Bundeswehr gab es hier im Forum (http://www.cold-war.de/showthread.php/4296-Scharfschützenausbildung-1956-1958?highlight=scharfsch%FCtzen) bereits einmal eine kleinere Diskussion, wobei es hauptsächlich um die 1950er-Jahre ging. Hoffe, das hilft Dir trotzdem ein wenig weiter...

Gruss aus der Schweiz
virago2000

Nemere
18.08.2018, 22:00
Siehe auch
http://www.cold-war.de/showthread.php/4657-HStr-IV-JgBtl-und-JgKp-innerhalb-PzGrenBtl?highlight=SCharfsch%FCtzen

Beitrag 2

Malefiz
18.08.2018, 22:54
Ja, genau, Du schreibst ja auch von meinem Problem. Gab es zu der Zeit aber über diese Wehrpflichtigen mit Zielfernrohrgewehr hinaus noch intensiver ausgebildete Scharfschützen? Ist eventuell das Wissen aus der Anfangszeit der Bundeswehr verloren gegangen, wie in der Kopie aus dem Buch über die Panzergrenadiere anklingt, und musste in den 90ger Jahren wieder erarbeitet werden. Oder fand kontinuierlich eine hochwertige Ausbildung für einen kleineren Kreis statt?

Nemere
19.08.2018, 07:53
Nach meinem Kenntnisstand gab es keine gesonderte Ausbildung für Scharfschützen, ich kann es allerdings auch nicht ausschließen. Ich habe weder den "GAP" der Infanterie noch die damaligen Lehrgangskataloge vorliegen.

Die Schießtechnik mit dem G 3 mit ZF war Thema bei den Schießlehrer-Lehrgängen, Dinge wie Tarnen, Täuschen, Leben im Felde waren Thema der allgemeinen Ausbildung und der Laufbahnlehrgänge, ebenso der taktische Einsatz der Zielfernrohrschützen, z.B. im Deckungstrupp.

DeltaEcho80
20.08.2018, 11:56
Hallo zusammen,

das Thema hatten wir ja mehrfach schon angeschnitten - siehe die angeführten Links.

Was ich dazu noch aus dem Stegreif beitragen kann: Bei einer Vortragsveranstaltung im Herbst 2017 haben wir mit dem Reservistenverband die Schießlehrerinspektion des AusbZ Infanterie in Hammelburg besucht.
Der dortige Leiter der Scharfschützenausbildung, ein Oberstabsfeldwebel, hat uns in seinem Einführungsvortrag einen kurzen Abriss über die Geschichte der Scharfschützenausbildung in der BW gegeben.

Das fing mit dem "Zielfernrohrschützen" in den einzelnen Infanteriegruppen an und wurde damals noch sehr am Rande betrieben - wie nemere schon schreibt.
Erst mit den Einsätzen der Bundeswehr ab den 2000er Jahren hat sich hier massiv was bewegt. Das fängt bei der Ausstattung mit den Waffen an und endet mit der persönlichen Ausrüstung der Soldaten, die für diese Verwendungsreihe vorgesehen sind.
Die Hauptlast der Ausbildung müssen allerdings die Verbände tragen, die Lehrgänge in Hammelburg sind momentan nur noch reine "Prüfungsschleifen".

Über scharfe Einsätze wird nicht viel berichtet. Er hat nur soviel gesagt, dass das "Scharfschützenwesen" in der BW sich nicht verstecken muss. Allerdings liegt der Augenmerk ja zu einem Großteil in reinen Observierungsaufträgen.

Wobei ja alleine schon der Begriff "Scharfschütze" in Deutschland allergische Reaktionen hervorruft.

Momentan (Stand Herbst 2017) arbeitet man an der Ausstattung mit einem neuen Scharfschützengewehr, da die bisherige Waffe (G22) langsam in die "Jahre kommt" und es bessere Alternativen auf dem Markt gibt. Hierzu erprobt man in HAB mehrere Modelle.

suedbaden
20.08.2018, 17:18
Nach meiner Erinnerung sind die Immendinger PzGren, die für die Zielfernroh-G3 ausgebildet wurden, um 1986/87 herum zum Schießen an einen anderen Standort gefahren (vielleicht Stetten a.k.M.), weil es dort längere Schießanlagen gab als auf der heimischen StOSchAnl. Insofern muss also zumindest in Ansätzen eine separate Ausbildung stattgefunden haben.

Hoover
21.08.2018, 17:39
Ich kann nur von den Pionieren sprechen und der HS IV. Wir hatten ZF-Schützen (je Zuf ein G3 mit ZF), die wurden zwar "Scharfschützen" genannt und fanden sich sehr wichtig, wenn sie mit G3ZF auf der Schießbahn waren (haben auf der StOSchAnl auf 300 m geschossen und in Bergen oder der Senne auf weitere Entferungen), heute würde man sie aber als DMR bezeichnen, als Präzisionsschützen. Schaftbackenerhöhung mussten sie sich selbst basteln und Tarnung war auch recht unbekannt, also kein Ghillie oder so.

Mein HFw meinte, dass die G3ZF eher zum Beschießen von Minen und Sprengmitteln taugten denn als wirkliche Scharfschützen. Ich würde sagen, die waren eher ein Stiefkind des Zugtrupps, irgendwie wurde der taktische Wert nicht so ganz erkannt oder gewürdigt.

Beste Grüße
Frank

Nemere
21.08.2018, 21:03
Insofern muss also zumindest in Ansätzen eine separate Ausbildung stattgefunden haben.
Wie ich oben schon sagte, kenne ich die Gesamtausbildungspläne (GAP) der Panzergrenadiere, Pioniere usw. der damaligen Zeit nicht. Es ist durchaus denkbar, das darin ein Ausbildungsprogramm für Zielfernrohrschützen enthalten war. Der GAP wurde 1975 eingeführt. Ob alle darin vorgesehenen Ausbildungsinhalte auch wirklich durchgeführt wurden, ist mehr als fraglich. Zu oft wurden Teilbereiche nur abgehakt, weil sie in der befohlenen Form und Zeit nicht machbar waren. Es gab damals das böse Schlagwort vom "abgapen", als Synonym für das Umstecken einzelner Karteilkarten des GAP von "Geplant" zu "Durchgeführt". Aber das ist ein anderes Thema.

Keilerdackel
25.08.2018, 22:13
Dort sind mir in den 80ger Jahren mal zwei Hauptfeldwebel begegnet, die mit einer zivilen
Version des G3, einem Jagdgewehr, auf diese Distanz geübt haben. War dies der Normalzustand?
Peter

Guten Abend zusammen,

es gab mitte der 60er Jahre eine zivile halbautomatische Version des G3 nämlich das HK 41. Es konnte ausschließlich durch Reservisten erworben werden. Damals waren Waffen die den Anschein einer Kriegswaffe erweckten verboten. Mir sind in meinem Umkreis zwei HK 41 bekannt. Eine HK 41 mit sämtlichem Zubehör kostet heute gebraucht ab 3000€.

Es gab noch eine komplett zivile Schiene mit gleichem Verschlußprinzip nämlich das HK770 im cal 7,62x51. Das könnte das Gewehr gewesen sein das du gesehen hast.

Weietere Versionen waren das HK630 in .223 Rem und das HK 940 in .30-06. Aufbau und Aussehen waren identisch. Allerdings hatten die Waffen im Unterschied zum G3 (HK41) einen Polygonlauf. Eine Variante für Reservisten und Sportschützen war das SL7 und das SL6. Der Unterschied lag lediglich am Schaft, am Korntunnel und an der Lauflänge.

Alle genannten Waffen waren bzw. sind absolut zuverlässig und in dieser Form wohl heute für bezahlbares Geld nicht mehr herzustellen.