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Thema: Ausbildung der Offiziere in der Bundeswehr

  1. #21
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    Wenn es in der heutigen Bundeswehr so zugeht, wie ich es aus meiner Behörde kenne, dann liegt die Antwort auf der Hand. Wer am besten seinen Kopf beim Vorgesetzten reinschiebt und zu allem ja und Amen sagt, kommt weiter. Machst du aber deinen Mund auf oder bist auf andere Art und Weise unbequem, wirst du auf das Abstellgleis geschoben. Das fängt oben doch schon an. Als unsere "Uschi" Verteidigungsministerin wurde, war doch eine ihrer ersten Amtshandlungen die Sache mit den Kindergärten. Ok, Kindergärten sind für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig. Aber es krankte zu dieser Zeit an allen Ecken und Enden und das wurde ihr auch von hohen Offizieren in ihrem Ministerium gesagt. Wenn ich mich recht erinnere, sind diese Herren, denen man zu Recht oder Unrecht nachsagte, sie hätten ein Problem mit einer Frau an der Spitze, ganz schnell mundtot gemacht worden. Und natürlich setzt sich das dann bis ganz nach unten weiter fort.

    Vielleicht liege ich mit meiner beschränkten Sichtweise auch völlig falsch, aber dies ist meine Meinung zum Thema Offiziere oder in anderen Behörden gleichgestellte Dienstgrade.

    Grüße


    Rex Danny

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  3. #22
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Zitat Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
    Da frage ich mich: Was ist passiert?
    Warum verlässt man als Offizier, der gerne bei der Truppe war, die Bundeswehr? Ich kann nur einige Aspekte beitragen, die vor vielen Jahren zu meiner Entscheidung beigetragen haben.

    Als ich 1999 meinen Antrag auf Entlassung nach dem Personalstrukturgesetz stellte, wollte mein Personalführer eine Begründung von mir. Ich war zwar nicht verpflichtet, meinen Antrag zu begründen, habe ihm aber trotzdem eine Liste mit den folgenden Punkten gegeben:

    1. ständig weiter klaffende Schere zwischen Auftrag und Mitteln bei ungenügend angepassten Ansprüchen an Erziehung und Ausbildung der Soldaten

    2. nicht mehr nachvollziehbare, restriktive Auflagen für Ausbildung, Führung und Erziehung.

    3. Planungschaos auf allen Ebenen und in allen Bereichen

    4. langwierige und in ihren Ergebnissen oft nicht nachvollziehbare Entscheidungsprozesse

    5.zunehmende Aufgabe der Auftragstaktik zugunsten kleinlicher Befehlsregelungen

    6. stetig ansteigende Bürokratisierung in der Armee

    7. Zerstörung der unteilbaren Führungsverantwortung der militärischen Führer, vor allem auf der Ebene Kompaniechef und Bataillonskommandeur, durch Wegnahme der für die Erfüllung des Auftrages erforderlichen Mittel und Einflußmöglichkeiten

    8. unüberlegtes Zerschlagen gewachsener Strukturen, gefolgt von einem überhasteten Aufbau neuer Organisationen mit eben denselben Aufgaben.

    9. Entscheidungen in der Bundeswehr oder für die Bundeswehr werden vielfach von wahlpolitischen Opportunitäten der politischen Führung bestimmt.

    10. eklatante Mängel in der Personalführung.


    Zum letzten Punkt noch eine etwas ausführlichere Erläuterung:

    Anfang 1999 hatten wir acht Feldjägerbataillone und folglich auch acht S 3-Stabsoffiziere und stellv. BtlKdr, von denen ich einer war. Sechs der acht S 3 StOffz stammten aus dem gleichen Offiziersanwärterjahrgang, drei davon waren über den § 33 SLV aus der Unteroffizierlaufbahn aufgestiegen. Wir sechs hatten gemeinsam die gesamte Offzausbildung durchlaufen, wir hatten alle hervorragende Beurteilungen, uns wurde die besondere Eignung zum Kommandeur bescheinigt, als nächste Verwendung war für uns alle der Bataillonskommandeur vorgesehen.
    Da fiel es der Personalführung auf einmal auf, dass man sehr viele Generalstäbler ausgebildet hatte, die jetzt alle dringend eine Verwendung als Bataillonskommandeur brauchten. Die Generalstäbler kamen vor allem aus dem Bereich Kampf- und Kampfunterstützungstruppen, Leute anderer Truppengattungen kamen da eher selten vor. Die Feldjäger durften z.B. alle drei Jahre einen Generalstabsoffizier produzieren – ganz egal, wie gut die Feldjägeroffiziere beim Stabsoffizierslehrgang abschnitten. Es gab eindeutig eine offiziell zwar bestrittene, in der Praxis aber vorhandene Quotenregelung.
    Nun hatte man aber durch den massiven Abbau bei den Kampf- und Kampfunterstützungstruppen nicht mehr genug Bataillone dieser Art. Andererseits gab es bei den Führungs- und Logistiktruppen noch recht viele Bataillone, weil man da weniger stark gekürzt hatte und weil eben diese Truppengattungen, wie soeben geschildert, kaum Generalstäbler hatten.

    Als Lösung wurde befohlen, dass die Stellen der Bataillonskommandeure vorrangig mit Generalstäblern zu besetzen seien, auch wenn diese nicht aus der Truppengattung des jeweiligen Bataillons stammten. Mitgeliefert wurde gleich eine Hochrechnung, wonach für die nächsten fünf Jahre kein normaler Truppenoffizier sich Hoffnung als BtlKdr zu machen braucht.
    Die Folge war, dass von den acht S 3 StOffz der Feldjägertruppe sechs einen Antrag auf Entlassung nach dem Personalstärkegesetz stellten –darunter auch ich. Die Feldjägertruppe war damit auf einen Schlag innerhalb weniger Monate nahezu die ganze S 3 – Schiene los.

    Wir bekamen dann einen OTL i.G. der Panzer als Bataillonskommandeur, der natürlich vom Feldjägereinsatz null Ahnung hatte, vor allem fehlte ihm die im Feldjägerdienst entscheidend wichtige gründliche Rechtsausbildung. Wenn er sich zurückgehalten hätte, hätte man sich irgendwie arrangiert. Leider meinte er aber, sich als großer Feldjäger-Führer profilieren zu müssen. Er hatte irgendwo etwas gehört, das Feldjägeroffiziere in bestimmten Situationen Notdisziplinarvorgesetzte sind (§ 27 WDO). Beim nächsten Quartals-Entlassungstag, als am Leipziger Hauptbahnhof die übliche Randale war, war er mittendrin. Es kam zu vorläufigen Festnahme von zwei Soldaten, nachdem diese auch gegen Feldjäger tätlich geworden waren. Jetzt meinte der diese vermeintliche Befugnis als Notdisziplinarvorgesetzter anwenden zu müssen und sprach gegen diese zwei Soldaten einen Disziplinararrest von 14 Tagen aus. Unsere Warnung, dass dieses Notdisziplinarrecht nur dem Führer eines Feldjägerdienstkommandos, nicht aber dem Bataillonskommandeur zusteht und das noch eine Reihe anderer Voraussetzungen, wie Zustimmung des Truppendienstgerichts nötig wären, ignorierte er. Endergebnis war, das er mit Müh und Not an einem Verfahren wegen Freiheitsberaubung vorbei kam.
    Ich habe mich schließlich für meine letzten paar Monate bis zum Ende meiner Dienstzeit von Leipzig nach Regensburg zum Stab KLK/4. Division versetzen lassen, da es mit diesem Bataillonskommandeur nur noch peinlich war.

  4. Folgende 2 Benutzer sagen "Danke" zu Nemere für den nützlichen Beitrag:

    Hoover (23.07.2019), Rex Danny (17.07.2019)

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  6. #23
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    Avatar von DeltaEcho80
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    Hallo Jörg,

    auch hier wieder: Vielen Dank für den interessanten Einblick.

    Das ist genau das, was mir die anderen 3 Hauptleute auch in gleicher oder ähnlicher Form berichtet haben.

    Hier scheiterte es auch z.B. an den berühmten Beurteilungen der nächsthöheren Disziplinarvorgesetzten. Dies aber aus rein "persönlichen" Animositäten und nicht aus soldatischer Sicht. Gerade hier zeigt sich, welche "Macht" man einem ca. 30 jährigen Menschen geben kann, der 3 Sterne auf der Schulter hat und andere beurteilen soll. Oder auch an von oben verordneten Quoten, was die Beurteilungsnoten betraf. Das hat ganze Lebensläufe aus der Bahn geworfen.

    Ich habe es immer mitbekommen, wenn ich die ganzen Beurteilungen schreiben musste und die Formulare ausfertigen musste. Da hat z.B. unser Chef dann schon manche inneren Kämpfe ausgetragen, was er da reinschreibt.

    Wir hatten z.B. einen Oberfeldwebel als VU, der leider beim Antrag auf BS einige Kilos zuviel auf den Rippen trug und deshalb sein BMI knapp über den vorgegebenen Werten lag. Hier hat die SDH den Antrag rundheraus abgelehnt, rein nach Papierlage. Dass der Oberfeld ein "Pfundskerl" war und ein grundsolider Mensch war, hat niemanden interessiert. Unser Spieß setzte wirklich sein komplettes Netzwerk und sprichwörtlich "Gott und die Welt" in Bewegung, aber er konnte nichts bewirken.
    Leider hat den Kameraden der verweigerte Antrag auf BS komplett aus der beruflichen Bahn geworfen, er kämpft bis heute darum, einigermaßen Fuß im Leben zu fassen.

    Ich habe mich damals, als das Thema Einberufung anstand, mit dem Gedanken getragen, SaZ 12 in der Offz-Laufbahn zu werden. Studium usw. klangen für mich, so jung und unbedarft, wie ich damals war, schon sehr verlockend. Zum Glück (aus heutiger Sicht) hatte ich einen Vater, der Bundesbeamter war und der die Tücken des Beurteilungswesens usw. am eigenen Leib kannte. Er hat mir dann in nächtelangen Gesprächen von einer Verpflichtung dringend abgeraten.

    "Zum Glück" kam ich dann zur AGA in eine Kompanie in Mellrichstadt, deren handelnden Personen (Chef, Spieß, KpTrpFhr, Uffze) keinerlei Sozialkompetenz besaßen. Einzige Ausnahme war besagter Oberleutnant. Hier war meine Motivation für den SaZ dann endgültig um die Ecke.

    Dass dann 75% der OAs (Einberufung 01.07.) ihre Anträge nach vier Wochen AGA zurückzogen und der BtlKdr im roten Bereich drehte, war ein Ergebnis dieses Zusammenspiels der Experten. Zum Glück habe ich dann meine 8 Monate Restdienstzeit in einer anderen Kompanie ableisten dürfen - ohne vorher nicht das Spiel so weit getrieben zu haben, vorzeitig von der Wachausbildung in der AGA-Kompanie abgelöst zu werden.

    Am Ende muss ich sagen, dass einige der Punkte, die du, Jörg, hier ansprichst, genau die waren, die mein Vater auch dargelegt hatte.
    „Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt“ (Albert Einstein)

  7. Folgender Benutzer sagt Danke zu DeltaEcho80 für den nützlichen Beitrag:

    Rex Danny (17.07.2019)

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  9. #24
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    Hervorragende Schilderungen von euch beiden, insbesondere zu den Themen "Beurteilungen" und "nicht vorhandene Quoten".

    Grüße


    Rex Danny

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