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Thema: Harrier

  1. #1
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    Standard Harrier

    Hallo zusammen,

    anbei ein Video aus dem Jahr 1984.

    https://www.youtube.com/watch?v=y3X32JnXKZ0

    Gruß aus der Pfalz

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  3. #2
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Hallo,

    Ich lese zur Zeit den Band „Die Luftwaffe 1950 bis 1970 – Konzeption, Aufbau, Integration“ aus der vom MGFA herausgegebenen Reihe „Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland“.
    Darin wird auch recht ausführlich auf die deutschen Prototypen von VTOL-Flugzeugen eingegangen, vor allem auf die Dornier Do 31, die VFW-Fokker VAK 191 B und die EWR VJ 101, die schon ab 1957 entwickelt wurde und ihren Erstflug 1963 hatte. EWR stand für den „Entwicklungsring Süd“, hier hatten sich Dornier, Messerschmitt, Heinkel und Bölkow zusammengeschlossen.

    Der VJ 101 sollte nach dem Willen von Strauß und Kammhuber, dem damaligen Luftwaffeninspekteur, als Ersatz für den Starfighter F-104 dienen und ähnliche Leistungsparameter aufweisen wie dieser, einschließlich des Strike-Auftrages. Der VJ-101 schaffte zwar 1964 den ersten Überschallflug eines Senkrechtstarters, konnte aber insgesamt nicht geforderten Leistungsdaten, vor allem hinsichtlich der Zuladung und der Wendigkeit erreichen.

    Die VAK 191 B sollte als leichtes Erdangriffsflugzeug eingesetzt werden (ähnlich der Fiat G-91), erbrachte aber die für diese Rolle erforderliche hohe Waffenzuladung an vielen Außenstationen auch nicht.

    Die Do 31 schließlich war als Kampfzonentransporter vorgesehen und bereitete noch am wenigsten Probleme. Einen Film zur Do 31 gibt es bei Youtube:
    https://www.youtube.com/watch?v=x3YueCf1JeI
    Interessant sind auch die von keiner Sachkenntnis getrübten Kommentare zum Film.

    Hintergrund für den damaligen Entwicklungsschub bei VTOL-Projekten war die Befürchtung, dass die aufwendigen und für Angriffe äußerst anfälligen Flugplätze der konventionellen Flugzeuge schon in einer frühen Phase eines Konflikts zerstört werden könnten und damit die Luftwaffe handlungsunfähig geworden wäre. Es wurde damals allen Ernstes sogar auf NATO-Ebene von einer „Einweg-Luftwaffe“ gesprochen, weil die fliegenden Verbände nach einem Ersteinsatz keine Basen mehr gehabt hätten. Ähnliches galt – zumindest in den 1960er Jahren – für die FlaRak, weil sowohl NIKE- wie auch HAWK-Verbände sich spätestens nach einer Stunde Gefechtsführung verschossen hätten.

    Man träumte davon, dieser Abhängigkeit von festen Plätzen durch VTOL-Flugzeuge zu entgehen, weil man meinte, diese könnten aus jeder Waldlichtung starten. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass damals in den Führungsriegen der Bundes-Luftwaffe ehemalige Weltkriegspiloten saßen, die noch das „Feldflugplatzdenken“ der Ostfront anno 1941 – 1945 intus hatten. Was mit einer verhältnismäßig einfach gebauten Ju 87 oder Me 190 noch machbar war, funktionierte mit der komplexen Technik eines Strahlflugzeugs und der immer umfangreicher werdenden Elektronik eben nicht mehr. Bereits bei der Fiat G-91, die immer als Flugzeug verkauft wurde, das von einer Wiese starten konnte, gelang das nicht so ohne weiteres. Das Starten von einer Wiese klappte einigermaßen auf trockenen süditalienischen Plätzen, aber nicht auf den von tagelangen Regen aufgeweichten Rasenplätzen des bayerischen Voralpenlandes.

    Irgendwann Ende der 1960er Jahre kam dann das böse Erwachen, weil es einfach unmöglich war, in jedem Waldstück oder jedem Hinterhof das nötige Servicepotenzial bereitzustellen. Hinzu kam, dass die VTOL-Maschinen mit ihrer komplizierten Steuerungs- und Triebwerkstechnik noch mehr Wartungsaufwand als der schon schwierig genug zu versorgende Starfighter erforderten. Das gleiche Problem hatten übrigens auch die Briten mit dem Harrier, was sie schon 1968 bei deutsch-britischen Stabsbesprechungen eingestehen mussten.

    Ende der 1960er Jahre änderte sich dann die Einsatzkonzeption der Luftwaffe. Hauptaufgabe waren dann Tiefangriffe und Close Air Support, dafür waren die beiden deutschen VTOL-Kampfflugzeuge kaum zu gebrauchen. Hinzu kam auch das Problem, das man es sich finanziell nicht mehr leisten konnte, die benötigten konventionellen Flugzeuge, daneben die unfertigen VTOL-Maschinen und deren extrem aufwendige Logistik zu finanzieren.
    Der damalige Inspekteur, Steinhoff, verwies damals zu Recht auf die aktuellen Erfahrungen der USA im Vietnamkrieg und formulierte, das VTOL-Flugzeuge viel zu schwerfällig, zu komplex und zu teuer wären, um sie in der Rolle als Erdangriffsflugzeuge, der „Vernichtung durch den Gewehrschuss eines Infanteristen“ auszusetzen.


    Literatur:
    Lemke, Bernd / Krüger, Dieter / Rebhan, Heinz / Schmidt, Wolfgang:
    Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik, 2), München 2006, S. 400 – 418.
    In diesem Band auch zahlreiche Hinweise auf weiterführende Literatur und die Primärquellen im BA-MA.

    Grüße
    Jörg

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  5. #3
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    Zitat Zitat von Nemere Beitrag anzeigen

    Hintergrund für den damaligen Entwicklungsschub bei VTOL-Projekten war die Befürchtung, dass die aufwendigen und für Angriffe äußerst anfälligen Flugplätze der konventionellen Flugzeuge schon in einer frühen Phase eines Konflikts zerstört werden könnten und damit die Luftwaffe handlungsunfähig geworden wäre. Es wurde damals allen Ernstes sogar auf NATO-Ebene von einer „Einweg-Luftwaffe“ gesprochen, weil die fliegenden Verbände nach einem Ersteinsatz keine Basen mehr gehabt hätten. Ähnliches galt – zumindest in den 1960er Jahren – für die FlaRak, weil sowohl NIKE- wie auch HAWK-Verbände sich spätestens nach einer Stunde Gefechtsführung verschossen hätten.

    Man träumte davon, dieser Abhängigkeit von festen Plätzen durch VTOL-Flugzeuge zu entgehen, weil man meinte, diese könnten aus jeder Waldlichtung starten. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass damals in den Führungsriegen der Bundes-Luftwaffe ehemalige Weltkriegspiloten saßen, die noch das „Feldflugplatzdenken“ der Ostfront anno 1941 – 1945 intus hatten. Was mit einer verhältnismäßig einfach gebauten Ju 87 oder Me 190 noch machbar war, funktionierte mit der komplexen Technik eines Strahlflugzeugs und der immer umfangreicher werdenden Elektronik eben nicht mehr. Bereits bei der Fiat G-91, die immer als Flugzeug verkauft wurde, das von einer Wiese starten konnte, gelang das nicht so ohne weiteres. Das Starten von einer Wiese klappte einigermaßen auf trockenen süditalienischen Plätzen, aber nicht auf den von tagelangen Regen aufgeweichten Rasenplätzen des bayerischen Voralpenlandes.

    Irgendwann Ende der 1960er Jahre kam dann das böse Erwachen, weil es einfach unmöglich war, in jedem Waldstück oder jedem Hinterhof das nötige Servicepotenzial bereitzustellen. Hinzu kam, dass die VTOL-Maschinen mit ihrer komplizierten Steuerungs- und Triebwerkstechnik noch mehr Wartungsaufwand als der schon schwierig genug zu versorgende Starfighter erforderten. Das gleiche Problem hatten übrigens auch die Briten mit dem Harrier, was sie schon 1968 bei deutsch-britischen Stabsbesprechungen eingestehen mussten.
    Hallo zusammen,

    Interessant ist dabei, dass diese Denkweise auch in den 1980er-Jahren teilweise noch präsent war, wird doch in Gunston/Spick, Moderne Kampfflugzeuge, Originalausgabe von 1984 ständig auf die Verwundbarkeit von Flugplätzen hingewiesen und gleichzeitig auf die Vorteile des Harriers in dieser Hinsicht gezeigt. Die mit der dezentralisierten Verwendung des Harrier 'von Waldlichtungen startend' verbundenen Probleme/Schwierigkeiten werden im Buch jedoch nur am Rande angedeutet, nicht aber diskutiert. Die Autoren scheinen da irgendwie voreingenommen, ja geblendet zu sein.
    Soviel von mir
    Gruss aus der Schweiz

    virago2000

    Bibliographie:
    Gunston, Bill/Spick, Mike: Moderne Kampfflugzeuge. Technik, Taktik und Bewaffnung, Dietikon-Zürich 1998 (Vierte Auflage, Sonderausgabe der 1984 erschienen Originalausgabe, aus dem Englischen übersetzt von Horst W. Laumanns).

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  7. #4
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    Die idee des Senkrechtstarters ist ja keineswegs tot. Es gibt massenweise Hubschrauber heute, die viel schneller fliegen, zuverlässiger sind und mehr Last schaffen, als frühere Generationen und die Amerikaner haben mit der Osprey und der F-35-Senkrechtstartvariante auch wieder ganz neue VTOL-Muster im Bestand und Einsatz. Der technische Aufwand und die Kosten liegen natürlich weit über denen "normaler" Flugzeuge. Die Zuladung und Reichweite sind dagegen oft sehr limitiert. In manchen Situationen sind die Senkrechtstarter aber offenbar trotzdem kriegsentscheidend, etwa im Falklandkrieg, wo die Briten ohne den Sea Harrier keinen vernünftigen Jagdschutz für ihre Flotte gehabt hätten. Die US Marines haben auch große Senkrechtstarter-Flotten im Bestand.

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