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Thema: HStr IV und die Sankette

  1. #1
    Cold Warrior Avatar von EmilBerggreen
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    Standard HStr IV und die Sankette

    Moin,

    hat jemand von Euch eine genauere Vorstellung, wie damals die Sankette angedacht war?

    Lage: Nächtlicher Feuerkampf. Ein oder mehrere Soldaten i. Gefecht verwundet.


    1. Die unterschiedlichsten Verletzungsbilder: Schusswunden, Lungendurchschuss, Wirbelsäulensteckschuss, Splitterverletzungen, Brandwunden, abgetrennte Gliedmaßen
    2. Maßnahme: Ruhe bewahren u. Schreck überwinden. Kameraden müssen sofort Feuerüberlegenheit herstellen, um Kamerad sicher aus dem Feuerkampf heraus zu bergen
    3. Selbst- u. Kameradenhilfe mit Bergegriffen wie Ziehen a.d. Koppel, Seitenschleiftrick, Rückenschleiftrick, Nackenschleiftrick. Im Idealfall: einer hält Gegner mit dem MG nieder und zwei andere ziehen den Schwerverletzten aus der Feuerzone. Höchstes Gebot der Kameradschaft ist es, einen verwundeten Kameraden beim Ausweichen vor dem Feind nicht liegenlassen (Zitat: Reibert, 1986).
    4. Kameradenhilfe gilt auf für verwundetem Feind? Ja, da Ehrenkodex oder sogar völkerrechtlich vorgeschrieben aber in Praxis bei Massenanfall eigener Verwundeter … ich habe da keine Antwort darauf
    5. Transport zum Verwundetennest, gekennzeichnet mit rotem Kreuz. Dort Erstversorgung durch Ersthelfer. Schockbekämpfung, Blutstillen, Druckverband schon durch bergende Kameraden oder nur durch ausgebildete Ersthelfer (der Kp, dem Zg abgestellte SanGrp). Feststellung, ob Verwundeter transportfähig ist oder nicht. Falls nicht, was dann? Der Rettungshubschrauber kann schwerlich genau vor dem Verwundetennest landen
    6. Transport vom Verwundetennest zum TVP (Truppenverbandsplatz). In der heißen Gefechtszone mittels SanMTW – 4 Liegeplätze und äußerlich durch weißen Kreis mit rotem Kreuz gekennzeichnet. Gepanzertes Fahrzeug soll vor Beschuss schützen
    7. Versorgung am TVP, also im Rückwärtigen Bataillonssektor. Dort weitere Erst-/Zweitversorgung durch Ersthelfer und ausgebildetes Sanpersonal. Sichtung durch TrArzt. Ärztliche Entscheidung: Not-OP, sofort Bluttransfusion, Morphium gegen starke Schmerzen verabreichen oder hoffnungsloser Fall? Patient würde keine weitere Behandlung überleben, was geschieht mit diesen Personen, die die nächste Stunde nicht überleben werden.

    Welchen Entscheidungsspielraum haben der TrArzt (OStArzt) und seine Helfer (StArzt)? Und ich rede hier von einem unerwarteten Massenanfall von Schwerverletzten und Sterbenden, wo im Einzelfall nicht die Zeit ist, abgewogene Entscheidungen über Leben und Tod zu fällen, sondern wenn der TVP mit Verwundeten „überrannt“ wird?

    1. Weiterversorgung nach Aufnahme am TVP. Weitertransport ins BW-Krankenhaus Hamburg-Wandsbek falls möglich oder in ein nahegelegenes Lazarett/Feldlazarett?
    2. Sammelstelle für Leichtverletzte. Was geschieht mit den Leichtverletzten? Werden diese verbunden und nach einer gewissen Zeit wieder ihrem Truppenteil zugeführt?


    Bin neugierig auf Eure Antworten,

    Viele Grüße,
    Emil

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  3. #2
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    1. Die „Sankette“ nennt sich „Gang der Verwundetenversorgung“.

    2. „Welchen Entscheidungsspielraum haben der TrArzt (OStArzt) und seine Helfer (StArzt)?“
    Ein Bataillon der HStr. 4 hatte nur einen Arzt.

    3. Die Aufgaben des Truppenarztes im Gefecht sind in fast allen Truppen-Vorschriften annähernd gleichlautend beschrieben. So steht z.B. in der HDv 211/100 „Das Jägerbataillon“, Nr. 1609:

    „Auf dem Truppenverbandplatz erhalten die Verwundeten truppenärztliche Behandlung. Der Truppenarzt sichtet die Verwundeten, nimmt eine lebensrettende Behandlung vor und stellt die Transportfähigkeit her.
    Leichtverwundete behandelt er abschließend und entscheidet darüber, ob sie zu ihrer Einheit zurückkehren oder ob sie vorübergehend bei den Rückwärtigen Versorgungsdiensten eingesetzt werden sollen.“


    Operationen im klassischen Sinne finden auf dem Truppenverbandplatz nicht statt

    4. Entscheidend ist, dass der Truppenverbandplatz so schnell wie möglich von Verwundeten geräumt wird. Dazu sagen die Vorschriften (HDv 211/100, Nr. 1612, 1613):
    „1612. Verwundete, die eine weitere Behandlung benötigen, werden zur nächsten rückwärtigen Sanitätseinrichtung transportiert. Der Truppenarzt regelt den Transport, unterstützt vom Führer der Verbandplatzgruppe.
    1613. Damit eine rasche Versorgung der Verwundeten gewährleistet ist, nutzt der Truppenarzt in Absprache mit dem S4-Offizier, zurückfahrende Versorgungsfahrzeuge für den Transport von Leichtverwundeten.
    Für Schwerverwundete ist der Krankenkraftwagen der Verbandplatzgruppe einzusetzen. Reicht dieser nicht aus. Beantragt der Truppenarzt zusätzlichen Verwundetentransportraum bei der unterstützenden Sanitätseinrichtung.“


    5. Das Sanitätsbataillon der Division richtet im Brigadegebiet, etwa 2 – 5 km hinter den Truppenverbandplätzen sog. „Wagenhalteplätze“ ein. Hier stehen mehrere Krankenkraftwagen, die Verwundete von den TrVerbPl aufnehmen, so dass die Fahrtstrecken der KrKw der Kampftruppenbataillone möglichst kurz gehalten werden.

    6. Von den Wagenhalteplätzen werden die Verwundeten zu den Hauptverbandplätzen verlegt, die vom Sanitätsbataillon der Division im rückwärtigen Divisionsgebiet, ggf. auch an der Grenze zum rückwärtigen Brigadegebiet angelegt werden. Hier finden Operationen auch umfangreicherer Art statt. Die Sanitätsbataillone der Korps verdichteten diese Organisation oder dienten zur Schwerpunktbildung.

    7. Von den Hauptverbandplätzen geht es dann weiter zur Lazarettorganisation des Territorialheeres. Die verlegefähigen Lazarette 200 der Wehrbereichskommandos können dabei bis an die rückwärtige Grenze des Divisionsgebietes vorgeschoben werden, die stationären Reservelazarette finden wir rückwärts des Korpsgebiets. Bundeswehrkrankenhäuser wurden, da nicht verlegefähig, analog zu den stationären Reservelazaretten eingesetzt. Sie trugen am Beginn eines Krieges die Hauptlast der chirurgischen Versorgung, weil die Reservelazarette erst aufgestellt werden mussten.
    Den Kader für die Lazarette 200 und einen Teil der Reservelazarette stellten die im Frieden in den Kasernen vorhandenen Sanitätszentren.
    Siehe dazu die beigefügten Skizzen.

    8. Ab der Ebene Korps gab es eigene Einheiten für den Verwundetentransport, die für einen schnellen Rücktransport eingesetzt werden konnten. Das Korps hatte ein Krankentransportbataillon und 5 Krankentransportzüge Schiene, das TerrKdo hatte Krankentransportzüge Schiene und das WBK Krankenkraftwagenkompanien Großraum und Krankentransportzüge Schiene.

    10. Auf jeder Ebene konnten Hubschrauber zum Verwundetentransport eingesetzt werden. Anmerkung: Hubschrauber waren immer absolute Mangelware, weil viel zu wenige vorhanden waren und sich alle möglichen Stellen darum prügelten: Der Taktiker für seine Luftlandekräfte und für die Überwachung von Räumen, der Fernmelder für luftbewegliche Befehlsstellen, der Logistiker für die Luftversorgung und der Leitende Sanitätsoffizier für die Verwundeten.

    11. Der absolute Schwerpunkt von der Anzahl der eingesetzten Einheiten und damit auch vom Personal lag beim Territorialheer. Beim Feldheer (ohne LANDJUT) gab es 3 Sanitätskommandos, 20 Sanitätsbataillone und einige Sanitätskompanien. Beim TerrH waren es 2 Sanitätskommandos, 10 Sanitäts- bzw. Lazarettregimenter, 13 Sanitätsbataillone, 153 Reservelazarettgruppen und 34 Lazarette 200

    Der Ablauf ist auch in dem auszugsweise beigefügten Artikel aus der Truppenpraxis 11/1980 beschrieben.

    Literatur:
    Ewert, Karsten: Sanitätsdienst des Heeres, In: Truppenpraxis 11/1980, S. 925 – 928.
    Grunwald, E. / Vollmuth, R.: Der Sanitätsdienst – Entstehung und Entwicklungen. In: Bremm / Mack / Rink (Hrsg.), Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr. 1955 bis 2005, Freiburg i.Br. 2005, S. 183–198.
    Stolze, Hans Jürgen: Taschenbuch für den Sanitäts- und Gesundheitsdienst der Bundeswehr. 20. Folge , Koblenz 1988.
    HDv 100/400 Logistik und Sanitätsdienst des Heeres (TF/Log/San)
    STANAG 2061 Verlegung und Abtransport alliierter Verwundeter und Kranker durch die Sanitätseinrichtungen
    Angehängte Grafiken Angehängte Grafiken

  4. Folgende 8 Benutzer sagen "Danke" zu Nemere für den nützlichen Beitrag:

    Alex (12.06.2018), alterfritz (12.06.2018), DeltaEcho80 (11.06.2018), EmilBerggreen (12.06.2018), kato (16.06.2018), palatinat (11.06.2018), PI80 (13.06.2018), Rex Danny (17.06.2018)

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  6. #3
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    Hallo nemere,

    vielen Dank für die umfassenden und wie immer fundierten Informationen.

    Heutzutage läuft das etwas anders ab, oder? Auch aus den Erfahrungen der Einsätze heraus: Erstversorgung möglichst umfassend direkt nach Verwundung -> schneller Abtransport mittels Hubschrauber bzw. gepanzertem Transportraum.
    „Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel“
    Friedrich Nitzsche

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  8. #4
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    Avatar von EmilBerggreen
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    Wahnsinn! Eine exzellente Antwort. Ganz herzlichen Dank an Nemere!

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  10. #5
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    Avatar von EmilBerggreen
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    Nemre, noch eine große Bitte an Dich.
    Wenn Du im Besitz d. HDv "Das Jägerbataillon" bist, magst Du vielleicht die StAN-Gliederung eines JgBtl vorstellen? Die JgKp waren damals anders gegliedert als die der PzGren. SPz Marder 6 i. Hinteren Kampfraum aber MTW d. JgTr war stärker besetzt.
    Das wäre wirklich großartig!
    Ich weiß, das gehört jetzt nicht zu diesem Thema.
    Viele Grüße

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  12. #6
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Zitat Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
    Heutzutage läuft das etwas anders ab, oder? Auch aus den Erfahrungen der Einsätze heraus: Erstversorgung möglichst umfassend direkt nach Verwundung -> schneller Abtransport mittels Hubschrauber bzw. gepanzertem Transportraum.
    Die Verwundetenversorgung in der HStr. IV war vor allem auf den Massenanfall von Verwundeten unter den Bedingungen eines beweglich geführten Gefechts hoher Intensität ausgerichtet. Es kam darauf an, die Verwundeten so schnell wie möglich aus der Kampfzone nach hinten in die Lazarette zu bringen. Man hatte deswegen auch keine Feldlazarette im Brigadegebiet oder vorne im Divisionsgebiet mehr vorgesehen, weil es sich herausgestellt hatte, das diese viel zu oft hätten verlegt werden müssen. In den Heeresstrukturen 2 und teilweise noch 3 hatten die Divisionen noch Feldlazarette.

    Heute läuft die Verwundetenversorgung ähnlich wie die Rettungskette im zivilen Bereich, weil sich die Bedingungen geändert haben - gerade bei Auslandseinsätzen. Es ist nicht mehr mit einem Massenanfall von Verletzten zu rechnen, das ganze Einsatzgeschehen findet eher statisch statt.

  13. Folgender Benutzer sagt Danke zu Nemere für den nützlichen Beitrag:

    DeltaEcho80 (12.06.2018)

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  15. #7
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Zitat Zitat von EmilBerggreen Beitrag anzeigen
    Wenn Du im Besitz d. HDv "Das Jägerbataillon" bist, magst Du vielleicht die StAN-Gliederung eines JgBtl vorstellen? Die JgKp waren damals anders gegliedert als die der PzGren. SPz Marder 6 i. Hinteren Kampfraum aber MTW d. JgTr war stärker besetzt.
    Ich kann gerne dazu etwas schreiben, aber Du solltest dann aus Gründen der Übersichtlichkeit ein eigenes Thema eröffnen.
    Zwei Hinweise:
    1. Die Bataillonsvorschrift ist nicht die StAN, man findet dort keine Hinweise über die Stärke einer JgGruppe oder die Anzahl der Feldlafetten im JgZg. Ich kann aber gerne aus der Bataillonsvorschrift z.B. die Funkeinsatzskizzen usw. einstellen, daraus erkennt man sehr schön die Gliederung bis auf Gruppenebene.
    2. "Das" Jägerbataillon als solches gibt es nicht, sondern mindestens 5 verschiedene Bataillonstypen. Die wenigsten JgBtl waren mit MTW ausgestattet. Siehe Anlage.
    Angehängte Dateien Angehängte Dateien

  16. Folgende 2 Benutzer sagen "Danke" zu Nemere für den nützlichen Beitrag:

    EmilBerggreen (12.06.2018), Rex Danny (17.06.2018)

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  18. #8
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    Zitat Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
    Heute läuft die Verwundetenversorgung ähnlich wie die Rettungskette im zivilen Bereich, weil sich die Bedingungen geändert haben - gerade bei Auslandseinsätzen. Es ist nicht mehr mit einem Massenanfall von Verletzten zu rechnen, das ganze Einsatzgeschehen findet eher statisch statt.
    Vor allem hat es mich positiv überrascht, wie gut und umfassend selbst die "normalen" Soldaten ausgebildet sind, das hat teilweise schon Niveau eines zivilen Rettungssanitäters. Das geht deutlich über den altbekannten "Helfer im SanDienst" hinaus. Die besonderen medizinischen Spezialisierungen z.B. der EBG-Kräfte der Fallschirmjäger noch gar nicht berücksichtigt. Die legen ja sogar Infusionen an oder verabreichen hochwirksame Schmerzmittel - was im zivilen Bereich ja nur der Notarzt darf.
    „Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel“
    Friedrich Nitzsche

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  20. #9
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    Ein neues Thema eröffne ich doch gerne!
    Vielen, vielen herzlichen erst einmal Dank soweit!

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