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Thema: Zur Geschichte der Durchschlageübungen

  1. #11
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Zitat Zitat von EmilBerggreen Beitrag anzeigen
    Der Hintergrund ist mir schon klar. Man will dem Soldaten noch mal auf den letzten Metern einen dicken roten Strich durch die Rechnung machen, ihn noch einmal vor eine komplett neue Lage stellen.
    Aber nach einem körperlich sehr fordernden Marsch ist das schon, na ja …
    Man muss solche Ausbildungen immer aus der Zeit heraus betrachten, in der sie stattfanden, für welchen Personenkreis sie angelegt wurden und welches Ausbildungsziel erreicht werden sollte.

    1. Der fragliche Zeitraum sind die 1980er Jahre, es gab also noch ein konkretes Bedrohungsszenario.

    2. Es handelte sich hier nicht um Wehrpflichtige, sondern um Unteroffiziere auf dem Weg zu Feldwebel. Gerade beim zukünftigen Feldjägerfeldwebel, der bekanntlich im Rahmen seines Auftrages Vorgesetzter ALLER Soldaten ist, sollte schon die Spreu vom Weizen gesiebt werden. Es sollte nach Möglichkeit festgestellt werden, ob die Soldaten durchsetzungsfähig und psychisch belastbar waren.

    3. Es ging hier um die Ausbildung zum Führer einer kleinen Gruppe unter möglichst kriegsnahen Bedingungen. Auch im Kriegsfalle kommt nicht um 08:00 Uhr der Bus, auch im Kriegsfall gibt es immer wieder Überraschungen, die Planungen völlig über den Haufen werfen.
    Beispiel: Eine Gruppe ist von ihrer Truppe abgekommen, laut der noch vorhandenen Karte sollen sich an einem bestimmten Punkt noch eigene Kräfte befinden und man richtet alles darauf aus, schnell diesen Punkt zu erreichen. Beim Eintreffen dort stellt sich auf einmal heraus, das auch hier schon der Feind ist. Und jetzt? Aufhören oder weitermarschieren? Und wenn weitermarschieren – wohin? Es kommt jetzt darauf an, unter Zeitdruck und bei körperlicher Erschöpfung eine Entscheidung zu treffen.
    Dieser durch das Nichteintreffen des erwarteten Busses erzeugte künstliche Stress war eine der wenigen Möglichkeiten, di e man in der Friedensausbildung hatte, die mentale Belastungsfähigkeit der Soldaten zu testen und möglichst zu steigern.
    Am Ende des Lehrgangs stand ein Beurteilungsbeitrag, dessen Aussagen später bei einer eventuellen Übernahme zum Berufssoldaten oder bei einer Weiterverpflichtung herangezogen wurden. Schon von daher hatten die Stabsunteroffiziere auf dem Ergänzungslehrgang kein Interesse zu revoltieren. Außerdem waren die meisten, wie Hoover oben schreibt, auch zu erschöpft.

    4. Wir haben bei diesen Übungen auch die Offiziersanwärter mitlaufen lassen, die wir zum gleichen Zeitpunkt im OA- bzw. ROA-Lehrgang hatten. Die nahmen das ganze meistens wesentlich lockerer als die Unteroffiziere. Die Offiziersanwärter waren durch die gleichzeitig laufende Einzelkämpfervorausbildung mit häufigen Geländeläufen und Gepäckmärschen körperlich wesentlich fitter und verkrafteten auch psychisch solche Belastungen besser, weil sie während des Lehrgangs ständig ähnlichen Belastungen unterworfen waren. Am besten schnitten dabei die Reserveoffizieranwärter der Frontnachrichtentruppe ab, deren allgemeiner Teil des ROA-Lehrgangs bei uns an der Feldjägerschule lief. Das waren sehr clevere Kerlchen, die aufgrund der Berufe ihrer Väter bereits sehr viel im Ausland herumgekommen waren und sich schnell auch auf sehr belastende Situationen einstellen konnten.

    5. Bei diesen Übungen hatte ich die volle Rückendeckung meines Inspektionschefs und des Lehrgruppenkommandeurs. Obwohl schon gesetzteren Alters marschierten beide bei solchen Übungen Teilstrecken mit den Gruppen mit, um sich selbst einen Eindruck von den Belastungen der Soldaten und deren Verhalten zu verschaffen. Auch bei den vorbereitenden Geländeläufen mit Waffe und Gepäck liefen sie ab und zu mit, wobei der Inspektionschef, ein OTL Ende 40, so manchen jungen StUffz mit Anfang 20 deklassierte.

    6. Ich habe diese Übungen auch nicht stur nach Schema F laufen lassen, sondern habe mir die Freiheit genommen, auf Entschlüsse der jeweiligen Marschgruppen lageangepasst zu reagieren. Wir hatten eine Übung Mitte Dezember angesetzt, es lag für Allgäuer Verhältnisse nur sehr wenig Schnee und es waren Marschbeginn Temperaturen um plus 5 Grad bei einer Vollmondnacht. Bei Marschbeginn am Abend „brannte“ der Himmel in einem gigantischen Abendrot, es war also anhaltendes gutes Wetter und eher kein Niederschlag zu erwarten. Der eingeteilte Gruppenführer kam zu mir und trug mir folgenden Entschluss vor: Ich möchte das schöne Wetter und die gute Sicht bei Vollmond ausnutzen, um möglichst schnell wieder den Anschluss an die eigene Truppe zu finden. Deswegen möchte ich alles überflüssige Gepäck wie Schlafsäcke, Panzerfaust, MG-Kästen usw. zurücklassen. Diesen richtigen Entschluss musste man anerkennen.
    Ich habe die zurückgelassenen Sachen in ein Begleitfahrzeug verladen lassen, musste dann aber natürlich bei dieser Gruppe selbst mit einem Funkgerät mitlaufen, um nötigenfalls eingreifen zu können, falls es wegen fehlender Ausrüstung Probleme geben sollte.

    7. Zum „Hauch“ von Kriegswirklichkeit gehört auch, dass man versucht, andere Belastungen realistischer darzustellen. Beispiel: Viele von uns kennen wahrscheinlich die Gefechtsübungen, wo es nur 40 Schuss Manövermunition für das G 3 oder einen vollen MG-Kasten für das MG gab. Nun hat aber der Soldat normalerweise 120 Schuss für das Gewehr und jedes MG hat mehrere volle Kästen, von dem deutlich höheren Gewicht der Gefechtsmunition gegenüber den Manöverpatronen mal ganz abgesehen.
    Diese Ergänzungslehrgänge liefen meistens zum Jahreswechsel, so dass meistens noch genügend nicht verbrauchte Restmunition an der Schule vorhanden war. So war es möglich, wirklich alle fünf MG-Kästen mit je 250 Schuss zu füllen und jedem Soldaten sechs, bzw. bei der UZI sieben volle Magazine zu geben. Bei den MG-Kästen haben wir auch zu Anschauungszwecken die Kästen bis zum Gewicht von 7,4 Kg mit nassem Sand o.ä. gefüllt und sie dann verplombt. Es ist nämlich ein Riesenunterschied, ob ich vier leere MG-Kästen, die nur sperrig und unhandlich sind, trage oder ob ich vier „volle“ Kästen im Gewicht von mehr als einem halben Zentner schleppe.
    Genauso wurden bei der Panzerfaust ebenfalls die vorgesehenen sechs Schuss mitgenommen. Wir hatten damals bei der Feldjägertruppe noch unsinnigerweise die schwere Panzerfaust zur Panzerabwehr. Da es dafür keine Manöver- oder Exerzierpatronen gab, haben wir über die StOV bei der Lehrlingswerkstatt einer Sonthofener Firma Exerzier-Patronen herstellen lassen. Die haben das als willkommene Ausbildung für das Drehen und Fräsen gesehen, es fielen nur ein paar Mark für Materialkosten an. Verpackungshülsen waren über unser zuständiges Mundepot in Urlau zu beschaffen.

    8. Da es bei diesem Ergänzungslehrgang auch um die Methodik der Ausbildung ging, war es entscheidend wichtig, mit den Soldaten im Rahmen einer sehr ausführlichen Auswertung nach solchen Ausbildung zu diskutieren, warum bestimmte Dinge durchgeführt wurden, welcher Sinn dahinter steckte und was man sich noch für eine bessere Gefechtsausbildung einfallen lassen konnte.

    Grüße
    Jörg

  2. Folgender Benutzer sagt Danke zu Nemere für den nützlichen Beitrag:

    EmilBerggreen (18.11.2018)

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  4. #12
    Cold Warrior
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    Avatar von EmilBerggreen
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    Hallo Jörg,
    besten Dank, dass Du Deine Erinnerungen mit uns teilst. Die sind wirklich Gold wert!
    Vor allem im Allgäu mit seiner alpinen Berglandschaft wird es vermutlich schon sehr schnell extrem anstrengend. Und im Winter wahrscheinlich richtig Tiefschnee.
    Etwas, was wir Flachländer natürlich überhaupt nicht kennen. Die nächste größere Erhebung für uns ist der Harz.
    Ich finde es wirklich großartig, was Du seinerzeit auf die Beine gestellt hast.
    Mit Feldjägerdienst verbinde ich eigentlich so etwas wie militärpolizeiliche Arbeit, sprich militärischer Verkehrs- und Ordungsdienst, etc.
    Aber auch wie ich bei
    https://de.wikipedia.org/wiki/Feldjä...e_(Bundeswehr)
    lese, Raum- und Objektschutz im rückwärtigen Gebiet. Wieder etwas dazugelernt.
    Beste Grüße

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  6. #13
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Zitat Zitat von EmilBerggreen Beitrag anzeigen
    Aber auch wie ich bei
    https://de.wikipedia.org/wiki/Feldjä...e_(Bundeswehr)
    lese, Raum- und Objektschutz im rückwärtigen Gebiet.
    Das ist wieder ein typischer Wikipedia-Artikel, in dem sämtliche Heeresstrukturen durcheinandergeworfen werden.

    Wenn ich dort schon lese:
    "Jeder Division waren früher für die Aufgaben der Feldjägertruppe ein Feldjägerbataillon unterstellt, von dem jeder unterstellten Brigade je ein Feldjägerzug zugewiesen wurde. Weitere nicht aktive Feldjägerbataillone waren vormals dem Territorial Heer zur Überwachung und Sicherung des Rückwärtigen und tiefen Versorgungsraumes im Rahmen des GDP unterstellt. Ausnahme bildete die 1. Luftlandedivision der nur die Luftlande-Feldjägerkompanie 9 unterstellt war."

    Wann ist "Früher"?
    Nach 1992 waren zeitweise den Divisionen, die gleichzeitig die Aufgabe der WBK wahrnahmen, Feldjägerbataillone unterstellt. Dabei waren Kompanien dieser Bataillone mit den Brigaden auf Zusammenarbeit angewiesen. Den Begriff "zugewiesen" gibt es im militärischen Sprachgebrauch als Ausdruck für Unterstellungsverhältnisse nicht.

    Die LL-FJgKp 9 gab es, wie auch die anderen Divisions-FJgKp schon seit 1980 nicht mehr. Mit Einführung der HStr. 4 gab es nur noch beim TerrH Feldjäger, aus derem Bestand aber jeder Division beim Auslösen bestimmter Alarmmaßnahmen eine Feldjägerkompanie zugewiesen wurde, die bereits im Frieden eine sog. "Coleur-Verhältnis" zu dieser Division hatte und meistens aus der ehem. Div'FJgKp entstanden war. (Beispiel: FJgKp 12 in Veitshöchheim, wurde 6./FJgBtl 760 und wäre im V-Fall wieder zur 12. PzDiv getreten).

    In den HStr. 1 bis 3 gab es eine Trennung zwischen Feldjägern des Feldheeres (DivFJgKp, zeitweise FJgBtl bei den Korps), Feldjäger der Territorialen Verteidigung / TerrH (FJgBtl bei den WBK, zeitweise bei den TerrKdo) und zeitweise FJg der Basis-Organisation (einzelne Kp und Züge) sowie den "Sonderfällen" beim BMVg und einzelnen NATO-Stäben.

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  8. #14
    Cold Warrior
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    Was in der Wikipedia steht, ist nicht immer richtig.
    Doch jeder kann sich dort registrieren und als Autor Artikel schreiben oder redigieren. Wenn man die Aussagen im Text durch eine valide Quelle belegen kann, ist das alles gar kein Problem.

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