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Thema: Vorderer Rand der Verteidigung

  1. #1
    Cold Warrior Avatar von EmilBerggreen
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    Standard Vorderer Rand der Verteidigung

    Moin zusammen,


    ich würde heute gerne einmal über Sinn und Zweck des VRV/Vorderer Rand der Verteidigung/FEBA/Front Edge of Battle Area diskutieren.

    In einer Kopie aus der Zeitschrift Truppenpraxis - eine Ausgabe der 1980er Jahre, die genaue Quellenangabe habe ich nicht mehr - finde ich folgenden Textabschnitt:


    Der VRV als Führungslinie hat für die verschiedenen Führungsebenen unterschiedliche Bedeutung für die Dislozierung von Kräften und den Zusammenhang der Verteidigung. Die enge räumliche Bindung gilt unverändert für ungepanzerte
    Kampftruppen in ausgebauten Stellungen. Ansonsten benötigen Brigaden und Bataillone eine ausreichende Tiefe des Raumes vor und hinter dem VRV für das Ausnutzen der Feuerkraft und Beweglichkeit der gepanzerten Kampftruppen. Sichern oder Überwachen durch ein Bataillon der Kampftruppen in einem Gefechtsstreifen vorn im Zuge des VRV bedeutete keinen Verzicht auf den Zusammenhang der Operation, wenn der Truppenführer durch eine geschickte Operationsplanung die Voraussetzung schafft, dass die entscheidenden Geländeabschnitte des Verteidigungsraumes gehalten werden und er durch ausreichend starke Reserven sich in jedem Falle operativen Handlungsspielraum erhält. Dem Gedanken der Erhaltung der Kampfkraft in der Verteidigung, insbesondere bezüglich des zu erwartenden intensiven Artilleriefeuers, durch Maßnahmen der Verschleierung des VRV, der Täuschung und weitgehender Verzicht eines schematischen Aufbaus der Verteidigung, sollte mehr Beachtung geschenkt werden.
    Okay, der VRV ist eine gedachte Führungslinie, die nur Lagekarten existiert und an der sich die Verteidigungsplanung orientiert.
    Es ist keine mit der Spraydose durch den Wald gezogene Linie. So wie Jörg einmal sagte, muss der VRV nicht einmal durchgezogen zusammenhängend sein, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Also vielleicht wenn ein Hindernis, ein See, etc., genau dazwischen liegt oder ähnliches.

    Der VRV ist also auch so etwas wie ein geographisches Orientierungsmittel, häufig ein einschneidendes Geländehindernis wie Kanal, etc., zur Einteilung der Kräfte der Verteidigung. z.B. Deckungskräfte vor dem VRV, die Hauptmasse hinter dem VRV. Daran orientiert sich also die Operationsplanung. PzAufklBtl wird von verteidigenden PzBtl am VRV aufgenommen, i.d. Fall VRV = Aufnahmelinie.

    Warum muss die Lage des VRV vor dem Feind verborgen bleiben? Der Feind interessiert sich doch nicht für "gedachte Führungslinien BLAU", der will wissen, wo liegt die JgKp XX in Stellung, wo sind die Grenzen, etc.? Oder ist das naiv gedacht?

    Den Satz mit der "
    ausreichende Tiefe des Raumes vor und hinter dem VRV" verstehe ich auch nicht. Die Topographie bestimmt doch die Operationsplanung und nicht das Wunschdenken eines Truppenführers. Er hat sich an den geographischen Verhältnissen des Geländes anzupassen und wenn vor und hinter dem VRV keine Tiefe vorhanden ist, dann muss er seinen OPPLAN halt dementsprechend anpassen.

    Gruss

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  3. #2
    Cold Warrior Avatar von Nemere
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    Standard

    Hallo Emil,

    mit „Verschleierung des VRV“ ist nicht die gedachte ideelle Linie des VRV gemeint, sondern die Lage der Stellungen usw. soll dem Angreifer möglichst lange verborgen bleiben. Erst erkannte Stellungen können bekämpft werden, erst dann kann die feindliche Artillerie zielgerichtet werden. Aus diesem Grund wird man je nach Lage und Auftrag evtl. vor dem VRV eine Sicherungslinie mit Feldposten oder sogar vorgeschobene Stellungen einrichten, die nach Möglichkeit dort einen VRV vortäuschen, so dass der Gegner bereits hier zur Entfaltung seiner Kräfte und im besten Fall zum Aufmarsch seiner Artillerie gezwungen wird.
    Die HDv 100/100 sagt in der Nr. 2635 zum VRV nur: „Der VRV begrenzt die Verteidigungsräume nach vorn. Er dient der Abstimmung von Feuer und Bewegungen. … Der VRV muß weder durchgehend besetzt noch gehalten werden.“
    Die HDv stimmt viel mehr auf den Begriff des „Verteidigungsraums“ ab: „Der Raum, den Verbände und Großverbände zu behaupten haben, ist ihr Verteidigungsraum“.


    Zur Tiefe des Raumes vor und hinter dem VRV:
    Vor dem VRV: Der VRV sollte so liegen, das vorwärts des VRV die Kampfentfernung der eingesetzten Waffen ausgenutzt werden kann. Ein VRV am Fuße eines Steilabhangs im Gebirge ist daher ziemlich sinnlos, da hier die Kampfentfernung nicht ausgenutzt werden kann. Andererseits bringt aber eine Stellung am Vorderhang eines Hügel zwar gute Beobachtungs- und Wirkungsmöglichkeiten, lässt aber kaum eine überraschende Feuereröffnung zu und führt zur schnellen Entdeckung der Stellung.
    Es ist wie meistens in der Taktik die Fahrt zwischen Scylla und Charybdis oder die Entscheidung zwischen Pest und Cholera.
    Hinter dem VRV: Damit ist einfach gemeint, dass der Verteidigungsraum eine ausreichende Tiefe haben muß, um z.B. Stellungen in der Tiefe vorzubereiten oder eine bewegliche Gefechtsführung zu ermöglichen. Wenn ich den VRV nur 1000 m vor einen Fluß lege, habe ich diese Tiefe nicht. Genauso schlecht ist es, wenn die Tiefe des Verteidigungsraumes durch Einsatz- oder Verfügungsräume anderer Truppen eingeschränkt wird. Es wäre wahrscheinlich wünschenswert, den Feuerstellungsraum der Brigadeartillerie möglichst weit nach vorne zu legen, um damit deren Reichweite in den Feind hinein zu erhöhen. Liegt allerdings der Feuerstellungsraum im Verteidigungsraum der Kampftruppenbataillone, wird es eng für eine bewegliche Kampfführung.

    Aber am Beispiel der „Verschleierung des VRV“ aus dem von Dir zitierten Artikel aus der Truppenpraxis sieht man sehr schön, wie sorgfältig in Vorschriften auf die Formulierung geachtet werden muss. Die HDv 100/100 drückt deswegen in der Nr. 2644 diesen Sachverhalt wesentlich klarer aus: „In Vorgeschobenen Stellungen können Kräfte durch zeitlich begrenzte Verteidigung die Lage des VERTEIDIGUNGSRAUMES verschleiern, vor allem dann, wenn vor dem VRV kein Verzögerungsgefecht geführt wird.“ Die HDv spricht eindeutig von Verschleierung der Lage des Verteidigungsraumes und nicht nur von der Verschleierung des VRV.
    Wegen dieser unbedingten Notwendigkeit zu klaren (und deswegen oft recht abstrakten) Formulierungen dauert es oft sehr lange, bis Vorschriften erlassen oder geändert werden. Es bedarf meistens sehr vieler „Lesungen“ bis man hoffentlich eine Ausdrucksweise gefunden hat, die möglichst keine Fehlinterpretationen zulässt.

    Grüße
    Jörg

  4. Folgende 4 Benutzer sagen "Danke" zu Nemere für den nützlichen Beitrag:

    DeltaEcho80 (09.05.2020), EmilBerggreen (09.05.2020), Mathias (10.05.2020), uraken (11.05.2020)

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  6. #3
    Cold Warrior
    Themenstarter
    Avatar von EmilBerggreen
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    Standard

    So macht es absolut Sinn und ist besser verständlich. Besten Dank für Deine Erläuterungen!!!

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